[NEWS] „Wir testen Sportler nicht, weil sie Betrüger sind“
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Joe Geimer – Journalist beim Luxemburger Wort
Antidoping-Experte Guillaume Zekri blickt auf die Tests bei der Tour de France zurück und setzt die Ereignisse in den richtigen Kontext.
Bei der Tour de France war plötzlich das Dopingthema wieder in aller Munde. Jonas Vingegaard und Tadej Pogacar waren in der Nacht zu Dopingkontrollen gebeten worden. Diese unübliche Maßnahme rief heftige Reaktionen hervor und sorgte dafür, dass die Gerüchteküche brodelte und gefährliche Halbwahrheiten zirkulierten. Guillaume Zekri, der Leiter des Antidoping-Bereichs bei der ALIS (Agence Luxembourgeoise pour l‘Intégrité dans le Sport), ordnet die Geschehnisse ein.
Guillaume Zekri, wie bewerten Sie die Dopingdiskussionen bei der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt?
Zunächst einmal möchte ich klarstellen, dass der Radsport allgemein schnell mit Doping in Verbindung gebracht wird. Die Tour ist das größte Event des Jahres, die Sportart steht dort besonders im Rampenlicht. Ja, es gibt historische Verknüpfungen mit Doping, und aufgrund des Ausdaueraspekts ist der Radsport gefährdeter als andere Disziplinen.
Dabei werden jedoch oft die wichtigsten Grundregeln vergessen: Es gibt den Code der Welt‑Antidoping‑Agentur WADA und daraus resultierende internationale Standards. Es existieren klar definierte Verfahren und Vorschriften. Diese Harmonisierung ist von übergeordneter Bedeutung – sie gilt für jeden Sportler und jede Sportart.
Werden Radsportler demnach nicht häufiger kontrolliert als andere Athleten?
Nein, zumindest ist das keine allgemeingültige Wahrheit. Die Häufigkeit der Tests unterscheidet sich von Land zu Land. In Frankreich liegt Rugby in der Statistik beispielsweise vorne. Entscheidend ist nicht die Sportart, sondern eine Risikoanalyse und die daraus resultierende präzise Planung.
Wichtig ist, zu betonen, dass sich die Herangehensweise in den vergangenen Jahren verändert hat: weg von einer quantitativen Strategie – also möglichst vielen Kontrollen – hin zu einer qualitativen Strategie. Entscheidend ist, die richtigen Athleten zum richtigen Zeitpunkt zu testen.
Pogacar ist vermutlich einer der am häufigsten getesteten Sportler – allein aufgrund seiner Erfolge. Bei der Tour wird in den Teamhotels, nach den Etappen, an den Ruhetagen und vor dem Grand Départ getestet. Der Etappensieger muss immer ran. So kommt man bei Pogacar schnell auf eine hohe Anzahl an Kontrollen.
Zurück zur eigentlichen Frage: Radsportler erfüllen tatsächlich einige Kriterien, die sie auf dem Papier anfälliger für Dopingpraktiken machen. Aber das gilt beispielsweise auch für Triathlon und Leichtathletik. Ich bin sicher, dass es Marathonläufer und andere Langstreckenathleten gibt, die häufiger getestet werden als der durchschnittliche Radprofi.
Wie schätzen Sie die nächtlichen Tests bei der Tour ein?
Grundsätzlich ist eines wichtig: Wir testen Sportler, weil sie Risiken ausgesetzt sind – nicht, weil sie Betrüger sind. Im Antidoping-Kampf geht es darum, die Integrität des Sports zu wahren, Chancengleichheit zu garantieren und die Gesundheit der Athletinnen und Athleten zu schützen.
Nächtliche Tests sind in mehrfacher Hinsicht besonders: Zum einen handelt es sich um eine außergewöhnliche Maßnahme, da zwischen 23 Uhr und 6 Uhr getestet wird (bei Vingegaard um 2 Uhr, bei Pogacar um 5 Uhr, Anm. d. Red.). Zum anderen sind solche Kontrollen nur in begründeten Ausnahmefällen zulässig. Es muss ein Verdachtsmoment vorliegen, der in direktem Zusammenhang mit einem möglichen Verstoß gegen die Antidoping-Bestimmungen steht.

Die Tatsache, dass Vingegaard und Pogacar viel gewinnen oder dominieren, reicht als Argument demnach nicht aus?
Nein, das wäre zu einfach. Das Ziel besteht darin, Athleten in den bestmöglichen Zeitfenstern zu kontrollieren. Die Kontrollstrategien sind niemals zufällig. Es müssen andere Anomalien existieren – etwa auffällige Werte im biologischen Pass, verdächtige Leistungsentwicklungen oder andere ernsthafte Verdachtsmomente.
Können Sie verstehen, dass sich die Athleten in ihrer Privatsphäre angegriffen fühlen und die Tests als übertrieben empfinden?
Ja. In den Antidoping‑Regeln steht ausdrücklich, dass Tests in den üblichen Schlafenszeiten einen erheblichen Eingriff in die Privatsphäre darstellen. Aber nochmals: Es handelt sich um eine extrem seltene Maßnahme. In Frankreich muss ein Richter solche nächtlichen Tests genehmigen. Sie finden nicht willkürlich statt. Bei der Tour waren es zwei von rund 600 Tests.
Sollten Sportler darüber informiert werden, warum sie mitten in der Nacht kontrolliert werden?
Wenn man rechtfertigen müsste, warum Kontrollen durchgeführt werden, würde das gesamte Antidoping‑Programm geschwächt werden. Kontrolleure sind nicht dafür da, damit Sportler leistungsfähig sind. Ja, es ist ein Eingriff in die Privatsphäre, aber er ist nicht besonders lang oder kompliziert. Wer nicht betrügt, hat keinen Grund, Angst zu haben.
Die nächtlichen Tests haben auch deshalb hohe Wellen geschlagen, weil Vingegaard auf der nächsten Etappe stürzte und ausschied. Dass ein direkter Zusammenhang mit der Kontrolle besteht – etwa, weil er weniger konzentriert gewesen sein soll – ist eine Hypothese, die nicht bewiesen werden kann.
Welche Produkte werden bei nächtlichen Kontrollen ins Visier genommen?
Die Verbotsliste umfasst rund 400 Substanzen und Methoden. Diese Vielfalt zeigt, wie breit das Spektrum potenzieller Manipulationen ist – und warum Kontrollstrategien differenziert und gezielt sein müssen. Der Zweifel kann viele Ursachen haben.
Ein Beispiel ist das EPO‑Mikrodosieren: Die Nachweisfenster sind extrem kurz, weshalb Tests sehr nahe am möglichen Einnahmezeitpunkt stattfinden müssen – also auch nachts. Der Nachweis von Wachstumshormonen ist komplex. Bluttransfusionen wurden in der Vergangenheit mehrfach nachgewiesen, häufig zu ungewöhnlichen Zeitpunkten.
Wurden in Luxemburg bereits nächtliche Dopingkontrollen vorgenommen?
Nein, das war bislang nicht nötig. Das ist umso besser für den luxemburgischen Sport. In Luxemburg wäre für eine solch außergewöhnliche Maßnahme kein richterlicher Beschluss erforderlich. Das luxemburgische Sportgesetz ist in diesem Punkt eher knapp formuliert. Die Bestimmungen des Welt‑Antidoping‑Codes würden ausreichen, um nächtliche Tests durchzuführen. Es könnte jedoch sein, dass wir im Anschluss der WADA begründete Elemente für solche Tests liefern müssten.
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